J.- G.- Fichte- Schule Mittweida
Mittelschule mit Ganztagsbetreuung
Pressespiegel
2008
"Argumentieren ist schwerer als verbieten"
 
17.06.2008 Freie Presse

Justizminister Geert Mackenroth (CDU) war gestern Lehrer in der Klasse 9a der  Fichte- Schule in Mittweida. Am Ende lud er die Schüler zu einem Besuch in den Landtag ein. Andreas Seidel

 
Justizminister Geert Mackenroth war gestern für 90 Minuten Lehrer an der Fichteschule in Mittweida - Er will auch Signale gegen Rechts setzen
Nach den Kommunalwahlen in Sachsen ist die NPD in allen Kreistagen vertreten. Das hat viele aufgerüttelt. So rief SPD-Chef Kurt Beck Politiker auf, in die Schulen zu gehen und junge Menschen zu überzeugen, dass rechtsextremistische Ideen verheerend für das Bild Deutschlands sind. Sachsens Justizminister Geert Mackenroth (CDU) tut dies bereits seit seinem Amtsantritt im Jahr 2004.
Von Renate Färber
Mittweida. Ein Minister als Lehrer - wie wird das wohl ausgehen? Darauf waren gestern Schüler der Klasse 9a der Fichteschule in Mittweida gespannt. "Wir hoffen, dass er unsere Fragen ehrlich beantwortet, nicht ausweicht." Klassensprecher Markus bringt die Erwartungen der 24 Schüler, die heute an Bord sind - sonst sind es 29 - auf einen Nenner.
Aufbauphase lockert auf
Dann ist es soweit: "Ich bin der Herr Mackenroth", sagt der Mann und hängt sein Jacket auf eine Stuhllehne. Das wirkt lässig - das gefällt. Und ehe man sich's versieht, ist der stattliche Minister im Gespräch mit den Jugendlichen. Bei der Frage nach der Fußball-EM springt der Funke dann gänzlich über. Viele hochgestreckte Hände signalisieren, dass Deutschland gegen Österreich gewinnt. "Grenzenloser Optimismus", meint der Minister. Nun gut. All das nennt man wohl Aufbauphase. Passt, denn von Anspannung ist bei den Jugendlichen kaum was zu merken.
Aber auch eine Minister-Unterrichtsstunde ist keine reine Spaß-Stunde. Selbst dann nicht, wenn er zum Rollenspiel auffordert. Aus ein paar Stühlen wird ein Straßenbahnzug. In kurzer Zeit ist der voll besetzt - und los geht die Fahrt. Fahrer Patrick nennt die Stationen. An der Zentralhaltestelle Chemnitz stürmen plötzlich ein Mädchen und zwei Jungen in die Bahn: "Eh guck mal, die vielen Ausländer", dröhnt der eine. "Seht mal: Erst nehmen sie uns die Arbeitsplätze weg und nun auch noch die Sitzplätze in der Bahn", schreit der andere. Und das Mädchen: "Irgendwie riecht's hier nach Ausländern." Eigenartig. Die "Fahrgäste" haben einen Schock. Sie tun nichts. Selbst als Markus von einem der Randalierer vom Platz gezerrt wird, ducken sie sich.
Der Justizminister beendet das Theater: "Wie seid ihr euch vorgekommen", fragt er Opfer und Täter. "Ängstlich", sagen die Opfer. Aber auch die Randalierer kamen sich nicht wirklich gut vor. "Wir machen das ja sonst nicht", beteuern sie. Doch Mackenroth hakt nach: "Versetzt euch doch noch mal in die Rolle." "In so einer Gruppe fühlt man sich stark, da hat man Macht. Zumal wenn sich die anderen nicht verteidigen", sagt Irma.
"Aber wir reden hier darüber, Minderheiten zu schützen", lässt Mackenroth nicht locker. "Und Markus, den ihr vom Platz gezerrt habt, gehört in diesem Moment zu einer solchen. Was hättet ihr denn tun müssen?" "Na ja, der Fahrer hat ja ein Telefon, der hätte Hilfe holen müssen", sagt Patrick etwas leise. "Einer von uns, also auch ich, hätte aufstehen und meinen Nachbarn mitreißen können", gibt Jennifer zu. Und plötzlich reiht sich ein Steinchen ans andere. Am Ende sind sich alle einig: Als erstes muss Hilfe her. Und wichtig auch: Jemand muss sich finden, der die Menschen ringsum mobilisiert, sie zur Solidarität bewegt. Denn hinter einem geschlossenen Auftreten steht viel mehr Macht, als wenn der einzelne aufsteht. Der Lehrer pflichtet bei. "Und wenn man andere mitreißen will, kann man dies auch ruhig recht laut tun." Doch er warnt auch: Das eigene Leben zu sichern, steht immer an vorderster Stelle.
Realität ist schwerer zu meistern
Mancher glaubt nicht so ganz an das Gesagte. "Natürlich müsst ihr schnell handeln - nur der ,frühe Vogel fängt den Wurm'", muntert der Minister sie auf. Trotzdem, so ganz überzeugt sind nicht alle. Weil sie der Alltag gelehrt hat, dass es vielen Menschen egal ist, wenn etwa eine alte Frau angegriffen wird. "Man sieht weg oder geht weg" - die traurige Erkenntnis. Das ist der Anknüpfungspunkt für eine Schülerin: Wie denkt der Minister über den so genannten Hakenkreuz-Fall in Mittweida? Da stellte es sich zunächst so dar, als habe dem Mädchen niemand geholfen, als ihm das Nazi-Symbol in die Haut geritzt wurde.
 Später hieß es, die junge Frau habe es sich selbst zugefügt. "Ich habe meine Meinung", so Mackenroth. Doch auch als Lehrer bleibt er Minister der Justiz: "Ich sage prinzipiell nichts zu einem Verfahren, wenn ich die Akten nicht gelesen habe. Das hat auch etwas mit dem Respekt vor den Richterkollegen zu tun, die diesen Fall behandeln."
Nutzen Verbote etwas?
"Wie reagiert ihr auf ein Verbot?", will der Gast-Lehrer wissen. "Verbotenes reizt, es trotzdem zu testen", ist die Antwort. "Die Kameradschaft ,Sturm 34' ist ja auch verboten - und trotzdem tauchen einige Mitglieder wieder auf", sagt ein Mädchen. Mackenroth nickt. "Trotzdem, Verbote sind ein eindeutiges Signal, und das ist gut so." Es geht aber letztlich immer auch darum, die Argumente bestimmter Gruppen und Parteien zu entkräften. Und wie steht's mit der NPD? Sollte man ein neues Verbot der Partei anstreben? Eine schwere Frage. Deshalb dürfen sie die Schüler auf ein paar Kärtchen beantworten. Und da ist dann zu lesen: Ein Verbot sei nicht gut, weil Parteien bleiben können, so lange Bürger sie wollen. Oder: Die NPD hat Punkte im Wahlprogramm, die ankommen. "Arbeit für alle" zum Beispiel. Verboten werden müsste sie wegen ihrer Ausländerfeindlichkeit und der Extremistentreffen - nur einige Argumente. Ja, argumentieren ist schwieriger als verbieten, gibt der Minister den Mittelschülern recht. Doch plötzlich scheint es, als würden sie jetzt lieber alle argumentieren: "Wenn wir keine ausländischen Ärzte hätten, müssten wir Krankenhäuser zumachen." Oder: "Mancher will ja gar nicht die Arbeit machen, die die Ausländer tun."
Die Stunde war wohl viel zu schnell vorbei. Trotzdem, am Ende wissen die Schüler etwa, was ein Justizminister für Aufgaben hat, wer Gesetze erarbeitet, wer sie beschließt und dass es im Freistaat zehn Gefängnisse gibt, in denen etwa 4000 Häftlinge sitzen. Am Ende sagt Klassensprecher Markus: "Der Minister ist nicht ausgewichen, er war sachlich und hat gut moderiert. Ich hätte ihn ernster erwartet." So sehen das alle - denn aus dem Rund kommt viel Zustimmung.
Minister will Signale geben
Mit den Schulbesuchen will der Minister auch Signale an Staatsanwälte und Richter geben. Sie sollten noch mehr in die Schulen gehen, so der vierfache Vater. "Wir wollen dem Rechtsstaat ein Gesicht geben." Übrigens gibt es in Sachsen schon 35 Staatsanwälte und Richter, die offizielle Ansprechpartner für Schulen sind. Aufklären und Wege weisen - das ist ihr Ziel.

25.08.2008