J.- G.- Fichte- Schule Mittweida
Mittelschule mit Ganztagsbetreuung
Pressespiegel
2009
Prinzen-Sänger "ohne Zeigefinger"
 
09.01.2009 Freie Presse
Nach dem Konzert in der Bürkelhalle der Mittweidaer Fichte-Mittelschule schrieb Sebastian Krumbiegel noch fleißig Autogramme. Falk Bernhardt
 
Prinzen-Sänger "ohne Zeigefinger"
Sebastian Krumbiegel auf "Lesetour" in der Mittweidaer Fichte-Schule - Werbung für Weltoffenheit und Toleranz
Von Uwe Lemke
Mittweida. Natürlich hat Sebastian Krumbiegel seine Zeigefinger am gestrigen Abend in der Mittweidaer Bürkelhalle benutzt. Aber nur, um die Tasten seiner Orgel zu drücken und nicht, um sie moralisierend zu erheben. Denn das wollte er auf keinen Fall. "Jeder sollte sich selbst seine Meinung bilden dürfen", sagte der Prinzen-Sänger zu Beginn eines Konzerts der ganz besonderen Art, das ihn nach Meerane, Wurzen und Grimma gestern Abend auch nach Mittweida führte. Unter dem Titel "Ängste und Träume" ist er derzeit in acht sächsischen Schulen unterwegs, um Geschichten über Menschen zu erzählen, die "ihre warme Heimat gegen das kalte Deutschland eingetauscht haben" - Geschichten von Migranten, deren Schicksale auch den Schülern der Fichte-Mittelschule unter die Haut gingen, wie man an der Stille im Saal unschwer erkennen konnte.
Da war von Menschen die Rede, die ihre Heimatländer verließen, um nicht zu sterben: eine bosnische Familie, die vor dem Krieg floh, ein Pastor, der im afrikanischen Kongo zwischen die Fronten geriet, eine Frau aus dem Iran, die vor den Repressalien einer Steinigung geflüchtet war. Und um diese erschütternden Geschichten emotional zu transportieren, hatte sich Krumbiegel musikalische Verstärkung geholt: den Gitarristen Kristof Hahn und den Schlagzeuger Thomas Fiedz. Mit Titeln von Udo Lindenberg (Krumbiegel: "Ein Mann, vor dem ich mich verneige"), Rio Reiser, den Comedian Harmonists sowie eigenen Songs beförderte der Leipziger seine Botschaft: "Wir mögen all das nicht, was von extrem rechter Seite abgeht. Es ist wichtig, positiv zu denken und wählen zu gehen. Das ist das mindeste, was man für die Demokratie tun kann."
"Wir haben genau darauf geachtet, dass viele Schüler in den Genuss der Karten für diese Veranstaltung kommen", sagte Schulleiter Matthias Möbius der "Freien Presse". Denn einen ähnlichen Eklat wie zum Auftakt dieser Leserreise in Meerane, wo am 5. Januar an der dortigen Tännichtschule fast nur Lehrer im Publikum saßen, sollte es an seiner Schule nicht geben. "Bei uns sind 71 Prozent Schüler", meinte Möbius augenzwinkernd. Aber leider war ein knappes Viertel der Plätze in der Bürkelhalle gestern nicht besetzt. "Wir haben auch einige Gäste aus dem Erzgebirge erwartet. Vielleicht haben sie sich bei dieser Witterung nicht hierher getraut", suchte Möbius nach einer Begründung.
Mittweidas OB Matthias Damm zeigte sich zufrieden, dass seine Stadt, die in der Vergangenheit leider wegen rechtsradikaler Aktionen um den inzwischen verbotenen "Sturm 34" immer wieder mal in die Schlagzeilen geraten war, eine solche Veranstaltung bekommen hat: "Ich finde es wichtig, den Schülern Toleranz und eine humanitäre Einstellung mit auf den Weg zu geben. Sebastian Krumbiegel hat das jugendgemäß rübergebracht. Und wenn dies ein prominenter Sänger macht, dann ist das schon was anderes, als wenn dies Politiker tun."
Und dennoch hatte das sächsische Kultusministerium, das diese musikalische Lesereise ebenso wie das Landeskriminalamt unterstützt, einen Politiker mitgeschickt: Staatssekretär Hansjörg König. "Es ist mal ein ganz anderes Medium, um solch ein wichtiges Thema rüberzubringen", lobte er dieses Projekt und stand neben Krumbiegel und anderen Gesprächspartnern im Anschluss an das Konzert den Schülern als Gesprächspartner während einer Podiumsdiskussion zur Verfügung.
 
Interview
Sebastian Krumbiegel war im Anschluss an sein Konzert begehrter Gesprächspartner und von Autogrammjägern dicht umlagert. Uwe Lemke hatte einige Fragen an den Sänger.
Freie Presse: Woher stammt die Idee, mit einer solchen Lesetour in die Schulen zu gehen?
Sebastian Krumbiegel: Ein Leipziger Ehepaar, das eine Gärtnerei betreibt, hat dort ein Integrationsprojekt mit dem Namen "Bunte Gärten" ins Leben gerufen. Dorthin kommen Flüchtlinge, die in Asylbewerberheimen untergebracht sind. Sie erhalten Hilfe, um sich hier besser zurecht zu finden. Ich habe dieses Projekt unterstützt, Öffentlichkeitsarbeit gemacht und auch mal dort gesungen. Und irgendwann wurde die Idee geboren, ein Buch mit den Geschichten dieser Flüchtlinge herauszugeben. Und damit sind wir jetzt auf Tour gegangen.
Freie Presse:Wie kamen Sie zu Kristof Hahn?
Krumbiegel: Ich hab' vor fünf Jahren mal ne Platte in Berlin produziert. Da kam der Produzent und sagte: Ich stell' dir mal den abgefahrensten Typen des Universums vor. Und das war Kristof Hahn. In drei Stunden war die Platte fertig.
Freie Presse: Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Schulen ausgewählt?
Krumbiegel: Wir wollten dorthin gehen, wo Brennpunkte sind. Denn in einer Stadt, in der es nachweislich Rechtsradikalismus gibt, ist auch eine Gegenbewegung da. Und die wollen wir unterstützen.
Freie Presse:Diese Lesetour umfasst acht Stationen. Ist eine Erweiterung geplant?
Krumbiegel: Wir sind in Sachsen erfolgreich gestartet und werden garantiert weitermachen. In anderen Bundesländern wäre so etwas auch denkbar.

21.02.2009